NRW-Auswahl wird Deutscher Vize-Meister bei der Mannschaftsmeisterschaft der Landesverbände in Braunfels

Erstellt: Freitag, 08. Juni 2018 10:06
Veröffentlicht von Chadt-Rausch

Andrea Hähnel - Am langen Fonleichnams-Wochenende fand zum 40. Mal die Deutsche Frauen-Schach-Mannschaftsmeisterschaft der Landesverbände statt. Im beschaulichen Braunfels (Hessen) kämpften 14 Mannschaften mit mehr als 120 Frauen und Mädchen um den Titel. 
Im teilweise hochklassig besetzten Teilnehmerfeld zählten die NRW-Frauen in diesem Jahr jedoch nicht zu den Favoritinnen. Das Team um Mannschaftsführerin Hannah Kuckling war trotzdem hoch motiviert und wollte um die Medaillenränge mitkämpfen. Für NRW waren in diesem Jahr neben unserem diesjährigen Spitzenbrett Hannah Kuckling folgende Spielerinnen dabei (Brettreihenfolge): Julia Freitag, Mariana-Camelia Plass, Elena Sokalskaja, Victorija Sokalska, Dr. Catalina Hiebsch, Karola Hörhold und Andrea Hähnel, die für die kurzfristig erkrankte Amina Sherif ins Team rückte.
Wir spielten am Donnerstag in der ersten Runde gegen Schleswig-Holstein und konnten erwartungsgemäß mit einem Ergebnis von 5,5:2,5 einen glatten Sieg einfahren. Mit Württemberg 1 musste die Mannschaft dann am Freitagvormittag in Runde zwei bereits gegen den Titelverteidiger und Mitfavoriten antreten. Noch deutlicher als das erste Spiel gewonnen wurde, verloren wir dieses Match mit 1,5:6,5. Diese Niederlage kam allerdings nicht unerwartet, denn schon ein Unentschieden wäre eine große Überraschung gewesen, da Württemberg 1 wie schon im Vorjahr auch diesmal wieder mit überragenden Spitzenspielerinnen angetreten war und von der ersten Runde an keinen Zweifel daran ließ, den Durchmarsch vom letzten Jahr wiederholen zu wollen. In der Nachmittagsrunde des einzigen Doppelrundenspieltages bekamen wir es dann mit Rheinland Pfalz zu tun, das wir deutlich mit 6:2 Punkten bezwingen konnten. Am Samstag früh ging es in die Vorschlussrunde. Wollten wir noch um die Medaillen mitkämpfen, musste unbedingt ein Sieg gegen Bayern 2 her. Aus der Vergangenheit wussten wir, dass wir die „kleinen“ Bayern nicht unterschätzen durften. Mit großer Entschlossenheit konnten wir das Duell deutlich für uns entscheiden und ließen mit einem klaren 7,5:0,5 Sieg überhaupt nichts anbrennen.
Am Nachmittag fand noch eine kombinierte Stadt-/Schlossführung statt. Auf Grund der sehr sommerlichen Temperaturen nahm daran aber letztendlich nur eine unserer Spielerinnen teil. Die Übrigen begannen derweil bereits mit der Vorbereitung auf die letzte Runde am Sonntag.

Foto: NRW-Team bei der Ehrung der Vize-Meisterinnen
@ Archiv Wolfgang Fiedler


Hinter der führenden Auswahl von Württemberg 1 standen 3 Mannschaften punktgleich in Lauerstellung auf dem 2.Platz: Sachsen, Bayern 1 und wir. Während Bayern 1 gegen Württemberg 1 spielen musste, hatten wir es mit einem Sieg über die Mitkonkurrentinnen aus Sachsen in der eigenen Hand, am Ende in den Medaillenrängen zu bleiben. Ob es dann Silber oder Bronze würde, hing vom Ausgang der Spitzenpartie Bayern 1 gegen Württemberg 1 ab.
Am Abend genossen wir aber wie üblicherweise erst einmal das große gemeinsame Buffet. Wieder einmal war es eine gemütliche Veranstaltung, bei der viel geredet und auch gefachsimpelt wurde. Nach dem Abendessen hatten sich einige unserer Spielerinnen eigentlich vorgenommen, beim alljährlichen Blitzschachturnier mitzuspielen. Nach einiger Überlegung haben wir uns dann aber gemeinsam dazu entschieden, den Abend zu nutzen, um uns weiter auf das Spiel gegen die Frauen aus Sachsen vorzubereiten. So zogen alle NRW-Spielerinnen, die für das Blitzturnier gemeldet waren, ihre Anmeldungen zurück. Gemeinsam begaben wir uns in unser Hotel, um ebenso gemeinsam eine Strategie für das entscheidende Spiel festzulegen und so unsere Chance auf einen Sieg zu erhöhen. Akribisch haben wir uns an diesem Abend auf unseren letzten Gegner vorbereitet, um das vorher nicht Erwartete, nämlich einen Medaillengewinn, zu schaffen.
Demzufolge gingen wir am Sonntag hoch motiviert, aber mit Sicherheit auch alle etwas nervös, in den entscheidenden Kampf. Es dauerte gar nicht so lange, da sah es an mehreren Brettern schon ganz gut für uns aus. Dieser Eindruck täuschte nicht und wir gewannen tatsächlich am Ende erneut klar mit 6:2 Punkten. Die Freude war jetzt schon riesig, obwohl wir ja noch gar nicht wussten, ob wir Silber oder Bronze holen würden. Erst als feststand, dass Bayern 1 gegen Württemberg 1 verloren hatte, und Württemberg damit den letztjährigen Durchmarsch wiederholt und den Titel aus dem Vorjahr somit deutlich verteidigt hat, wussten wir:  wir haben Silber gewonnen und die Deutsche Vize-Meisterschaft nach NRW geholt. Nach dem doch sehr enttäuschenden Ergebnis aus dem letzten Jahr war dies für uns alle eine große und sehr schöne Überraschung, denn zu Beginn des Turnieres hatte mit diesem Erfolg sicher niemand gerechnet. Mit einem Sieg in der letzten Runde sicherte sich Hamburg dann noch den 3. Platz. Auch die Hamburgerinnen waren in diesem Jahr mit dem klaren Ziel „Titelgewinn“ mit einer sehr starken Mannschaft angetreten.
An dieser Stelle sollte nicht unerwähnt bleiben, dass wir in diesem Jahr in den (nicht geplanten) Genuss kamen, von einem Trainer auf die Spiele vorbereitet zu werden, wie es schon in einigen Auswahlmannschaften seit Jahren üblich ist. Wir bedanken uns bei Stefan Arndt, der sich ehrenamtlich zur Verfügung stellte, auf diesem Wege noch einmal besonders herzlich. Durch die intensive Vorbereitung, insbesondere auch für die letzte Runde, hat er der Mannschaft sehr geholfen und somit auch einen großen Anteil am überraschenden Erfolg in diesem Jahr.
Ein großes Turnier spielte Elena Sokalskaja, die mit 4,5 Punkten aus 5 Runden nur knapp die Ehrung der besten Turnierspielerinnen verpasste (nur 3 Spielerinnen waren mit 5 Siegen noch besser) und somit die beste Spielerin unseres Teams war.
Neben dem großartigen Erfolg der Mannschaft bleibt abschließend zu berichten, dass nicht nur hart gekämpft wurde, sondern auch der Spaß bei den gemeinsamen Abenden nicht zu kurz kam. Im Team wurde sehr viel gelacht, die Spielerinnen motivierten sich gegenseitig vorbildlich. „Neuling“ Karola fügte sich ebenso nahtlos in die Mannschaft ein wie einige „Braunfels-Rückkehrerinnen“, so dass der großartige Teamgeist vom ersten Tag an zu spüren war.
Es hat, glaube ich, allen viel Spaß gemacht und der Wunsch, im nächsten Jahr mit 2 Mannschaften anzutreten und es somit einigen Landesverbänden gleich zu tun, wurde von vielen Spielerinnen geäußert.
Persönlich hoffe ich, dass sich im kommenden Jahr mindestens eine starke Mannschaft zusammenfindet, die wieder einmal um den Titel mitkämpfen kann. Es ist schon ein tolles Erlebnis, an Deutschland`s größtem Frauenturnier teilnehmen zu dürfen.
Alle Interessierten können sich ab sofort bei mir melden, wenn sie im kommenden Jahr am langen Fonleichnams-Wochenende in Braunfels mitspielen möchten.